Donnerstag, 26. September 2013

Terrible Twos?!

Herbst 2011
Wir müssen uns warm anziehen.
Und damit meine ich nicht etwa den Herbst, der vor der Tür schon in vollem Gange ist...
Die sog. "Terrible Twos" beziehen sich, so dachte ich, auf die Trotzphase 2-jähriger Kinder, die schon so viel wollen, aber eben noch nicht alles können, die sich erstmalig selbst als eigenständigen Menschen wahrnehmen und einen sehr eigenen Willen haben, den sie auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit durchsetzen wollen.
Entweder ist meine Erinnerung an 2011 tatsächlich so löchrig, dass ich die Zeit als relativ entspannt abgespeichert habe, oder "wir" haben diese akute Phase ausgelassen, das Potential dafür "angespart", um sie pünktlich 2 Jahre später in potenzierter Form auszuleben.
Oder heißen die Terrible Twos Terrible Twos, weil sie periodisch alle 2 Jahre wiederkommen...?

Wenn ich mir ein Wort aussuchen könnte, was ich aus Fionas Wortschatz streichen dürfte, es wäre vermutlich ABER.
Im Moment ist alles ABER. Wir geraten fast täglich aneinander, seien es so banale Dinge wie "Gehst du jetzt bitte Hände waschen?" oder "Nein, es ist schon spät, heute gucken wir keine Folge Caillou mehr.". Bocken, wütend aufstampfen, eingeschnappt die Hände verschränken, Augenbrauen zusammenziehen, heulen, meckern - das volle Programm. Es fällt mir manchmal schwer, in solchen Situationen gelassen zu bleiben und ihr in dieser schwierigen Zeit durch liebevoll-strenge Konsequenz ihre Grenzen zu zeigen statt genauso bockig abzuziehen. Natürlich weiß ich, wie man sie übersteht, diese Phase. Theoretisch. Auf jeden Fall weiß ich, dass man sie irgendwie gemeinsam übersteht und das ist schon mal ein Lichtblick.
Auf der einen Seite ist Fiona unglaublich weit entwickelt, sie kann und weiß für ihre knapp 4 Jahre schon eine ganze Menge, sie ist vielseitig interessiert und wirklich begabt im musisch-sprachlichen Bereich. "Aber" (da war's wieder...) auf der anderen Seite fällt sie mit ihren zickigen Trotzanfällen auch wieder schnell in die Baby-Kleinkind-Phase zurück, in der ich dann mein eigentlich so großes Mädchen nicht wiedererkenne. Ein kleiner Rückblick:

Zur Geburt haben wir für sie ein Baby-Set für die Badewanne geschenkt bekommen: einen
Badethermometerfisch, eine weiche Bürste, Kamm, Nagelschere, Fieberthermometer und eine flüssigkeitsgefüllte Beißkirsche, die man dem Baby beim Zahnen gekühlt zum Kauen in die Hand drücken kann. Besagte Kirsche ist relativ bald nach dem ersten Satz Zähne (vermutlich) in den Keller gewandert, irgendwo weit weg, weil wir sie nicht in absehbarer Zeit wieder benutzen wollten. Aus mir unerklärlichen Gründen hat mich Fiona in letzter Zeit schon mehrfach auf diese Kirsche angesprochen und sogar angefangen zu weinen, weil ich gesagt habe, dass ich nicht weiß, wo sie ist (und darüber hinaus die Such-Notwendigkeit nicht sehe). Gestern standen wir in einem Drogeriemarkt, ich am Fotodrucker, sie in der Spielwarenabteilung. Nach einer Weile kam sie an mit genau dieser Kirsche. Auf dem Schild stand 4m+, also für Babys ab 4 Monate. Meine Tochter wird in ein paar Tagen 4 JAHRE alt und bekam einen mittelschweren Bockanfall, weil ich diese Kirsche nicht kaufen wollte. Als Zugeständnis bot ich ihr an, sich eine Kleinigkeit aus dem Grabbelregal auszusuchen. Sie kam an mit einer Fillypferd-Überraschungstüte. Ansich kein Problem. Sinn dieser Tüten ist - wie der Name schon sagt - die Überraschung, weil man vorher nicht weiß, was drin ist. Ich kenne mein Kind mittlerweile sehr gut und wies sie darauf hin, dass auf der Tüte zwar viele hübsche Pferde abgebildet seien, man aber nicht wisse, welches letztendlich drin sei. "Ja, ja, ich weiß". Kurz nach dem Bezahlen große Ernüchterung beim Öffnen: nicht das bunte Regenbogenpferd, sondern ein pinkes mit einer Blume am Hintern. Süß, aber eben nicht  das, was sie wollte. Dass man kurz enttäuscht ist, okay. Aber dass man deswegen ("Ich wollte aber ein anderes!!!") im Einkaufscenter anfängt zu heulen und mit den Füßen aufzustampfen, geht zu weit. Ich sage dann nicht, dass ich wütend auf sie, sondern enttäuscht von ihrem Verhalten bin. Ich benutze so wenig wie möglich "du", sondern verpacke meinen Ärger in Ich-Botschaften und habe dennoch das Gefühl, dass die zu einem Ohr rein und zum anderen wieder raus gehen. Auch bewusstes Provozieren in der musikalischen Früherziehung, weil sie nicht damit umgehen kann, Mamas Aufmerksamkeit eine Stunde in der Woche auch mal mit anderen Kindern zu teilen, ist für uns beide eine harte Prüfung.


Vor noch nicht allzu langer Zeit habe ich einem ihrer größten Wünsche nachgegeben, den regenbogenfarbenen Skechers-Schuhen aus Amerika. Wichtigstes Feature: sie leuchten. Ein Mal rundherum bei jedem Schritt und so hell, dass sie problemlos die Glitzerkugel in der Disco ersetzen könnten. Bei jedem Schuhkauf hat sie mir die Skechers gezeigt, erzählt, wer von ihren Kitafreundinnen diese Schuhe hat und wie gerne sie doch auch solche (O-Ton) "stylischen Leuchteschuhe" haben würde. Weil die allerdings so viel kosten, wie 2 Paar günstige Mamaschuhe zusammen (und Mama den Vorteil hat, dass ihre Füße im Gegensatz zu Fionas nicht mehr wachsen wie frisch gesäter Rasen), wollte ich warten, bis sie die nächste Größe trägt, damit sich die Investition auch lohnt. Die nagelneuen Schuhe mussten sofort im Laden angezogen werden und die Freude war riesig. Als wir abends nach Hause kamen, zog sie einen Schuh im Flur aus und den anderen in ihrem Zimmer. Als ich sie bat, den Flur-Schuh ebenfalls in ihr Zimmer zu bringen, sie dazu aber offensichtlich keine Lust hatte, nahm sie den teuren Schuh und warf ihn bockig und mit Schwung in die Playmobil-Ecke, wo es nur so krachte.
Ohne viele Worte nahm ich die Schuhe und das gesamte (!) Playmobilzeug und räumte es außer Reichweite, alles weg. Bittere Tränen und Versprechungen halfen erst mal nichts, die Sachen blieben ein paar Tage bei mir. Solche Konsequenzen tun mir mindestens genauso weh wie ihr, aber aus dieser Situation hat sie gelernt. Jetzt muss ich nur noch lernen, wie ich dieses Prinzip auch auf andere Bock-Situationen anwenden kann bzw. wie ich gelassen bleibe, wenn sie beim Essen auch nach der 5. Ermahnung nicht den Kopf über den Teller hält und die Speisekarte chronologisch von oben nach unten ihre Klamotten ziert...
Wir werden jetzt wohl mal dazu übergehen, die Wut zu personifizieren. Wo ist sie? Im Kopf? Im Bauch? In den Füßen? Wie sieht sie aus, die Wut? Ein Monster mit hässlichen Zähnen und Stacheln auf dem Rücken? Ein angriffslustiges Krokodil mit einem riesigen Maul oder ein brüllender Löwe mit einer großen Mähne? Vielleicht hilft es ihr, wenn sie ihrer Wut buchstäblich einen Namen geben kann und wenn wir das Problemtier in akuten Trotzanfällen einfach vor die Tür schicken, während sie sich dann in Ruhe der Tätigkeit widmen kann, die sie vorhatte, bevor die Wut gekommen ist. Und bis wir das Tier eingefangen haben, heißt es wohl einfach: Augen zu und durch...

Darf ich vorstellen: ein Wutzwerg. "Meine Freundin hat jetzt den Eimer, den ich eigentlich wollte!"

Kommentare:

  1. Ach liebe Vivi,
    diese "Ohnmacht" der Situation gegenüber kenne ich nur zu gut. So geht es wohl allen Eltern und "terrible two" ist ja auch leider nur der Anfang. Die Trotzphase kann bis in die Schulzeit noch anhalten.
    Aber Fiona hat großes Glück mit so einer tollen Mama wie dir! Irgendwann wird sie dir das auch dankbar sagen können. Solange müssen wir gequälten und verzweifelten Eltern eben noch durch - und zusammenhalten.
    Ich schicke dir eine virtuelle Umarmung und ganz viel Geduld...

    Alles Liebe
    Sabrina

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    1. Danke für deine herzlichen Worte, liebe Sabrina! <3 ich lese raus, dass du weißt, wovon ich spreche ;)

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  2. Ach das kenne ich auch noch gut, dass hatten wir auch noch mal in der Vorschulzeit, ja ca 5 müsste Lukas da gewesen sein. ich war ziemlich verzweifelt und wir haben ihm immer auszeiten in seinem Zimmer gegeben. Diese "Betrafungen" durchzuziehen ist wirklich nicht leicht und ihr habt Glück, dass Fiona das gleich beim ersten Mal verstanden hat ;) Bei uns hat es mehrer Anläufe gebraucht bis irgendwas verstanden wurde und wir Eltern leiden da wohl auch ziemlich drunter^^

    ich schafft das schon, ihr seit doch tolle eltern ;)

    Liebe Grüße,
    Antonia

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    1. Naja, ob sie es 100% verinnerlicht hat, weiß ich nicht genau. Zumindest war die Aktion mit den Schuhen wohl doch ziemlich lehrreich. Im Vorschulalter nochmal so eine Phase?! Aaaaaaaahhhhhh ;)

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  3. Die Schuhe sind der Knaller! :D Und ja, ich weiß auch, wovon du sprichst. Aber das kann hier Lotte schon wunderbar seit sie 1 ist und Lilli ist vier und es wird nicht unbedingt besser. :D

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    1. ...und dann gleich noch im Doppelpack. Respekt! :)

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  4. Ich kann mir nicht helfen, aber dein Wutzwerg ist soooo niedlich und die Geschichten haben mir gerade meinen Freitagmorgen versüßt :) :) :)
    Bei uns ist das Trotzen im Moment wirklich besser (dafür haben wir andere Sorgen und Problemchen), aber ich fühle voll und ganz mit. Das Wegräumen der "Stylischen Leuchteschuhe" finde ich absolut in Ordnung, ich hätte es ebenso gehandhabt, denn ich finde auch, dass es - so sehr ich versuche die Wut des großen Mädchens zu verstehen und zu entschuldigen - Grenzen gibt. Wie lange dauert so ein Wutanfall in der Regel und meine Frage, weil genau dieser Punkt unter meinem Post zu dem Thema diskutiert wurde: Bleibt ihr die ganze Zeit in ihrer Nähe oder nehmt ihr euch eine kurze Auszeit in sehr heftigen Situationen, durch kurzes Verlassen des Zimmers oder Fiona in ihr Zimmer zu schicken?
    Liebe Viv, ich wünsch euch wundervolle Tage in Griechenland, mal wieder hätte ich gerne einen Platz im Köfferchen und da dieser sicher aufgrund der Leuchteschuhe nicht mehr frei ist: Sende mir bitte ein bisschen griechische Sonne nach Hessen!!!

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    1. Vielen Dank, liebe Sina! Die Sonne schicke ich, versprochen :)
      So ein Wutanfall dauert meist nur kurz, weil ich versuche, einen Weg aus der Einbahnstraße zu finden und sie dann ablenke, um sie auf etwas anderes zu fokussieren. Meistens bleibe ich bei ihr und spreche mit ihr über das gerade Vorgefallene. Aber wenn ich das Gefühl Habe, dass mir der Kragen platzt, verlasse ich das Zimmer, bevor die Situation eskaliert. Meistens wechseln wir uns als Eltern dann ab und Papa geht zu ihr und erklärt ihr, weshalb ich rausgegangen bin. Vielleicht ist das in dem Alter noch zu früh, aber ich möchte ihr erklären, warum man etwas macht oder warum man so reagiert. Sie soll das verstehen können. Aber wie gesagt, manchmal stößt man da eben auf taube Ohren...

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  5. Oh was für ein süßer Wutzwerg - genauso sieht es bei uns auch öfter aus! Sie bockt jetzt nicht täglich in diesem Ausmaße, aber solche kurzen "Aussetzer" kenne ich auch nur zu gut. Vor allem wegen Kleinigkeiten, die unser eins erst (wieder) lernen muss zu verstehen. Schön ist auch, wenn wir hinterher darüber reden, und Lena mir dann sagt "Aber morgen wache ich mit guter Laune auf, ok Mama?".

    Es wird sicher - irgendwann - besser. Bis dahin, macht weiter so!! Besser könnte sie es nicht haben, als dass ihr die Konsequenzen (liebevoll, aber bestimmt) aufgezeigt werden. Ich bin davon überzeugt, dass das der richtige Weg ist. Bei uns hilft oft nur ablenken von der Situation...

    Fühl dich umarmt, ganz liebe Grüße, Caro

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    1. Danke, liebe Caro! Ich seh schon, es geht also wirklich nicht nur uns so mit den terrible Fours ;)

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  6. Gerade jetzt sitze ich auf dem Spielplatz, lese Deinen Post und ignoriere eine kleine Zicke, die nach Papa brüllt. aktuelle Lieblingsworte: "nur wenn".
    Keine Angst, diese Phase geht (hoffentlich) auch bei Fiona vorbei... so in etwa 12 bis 16 Jahren :)

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